
Ein Leben im Schatten der Stasi – Zeitzeugenbericht aus der DDR
„Ich wurde von 105 Stasis bespitzelt“, erinnert sich Lothar Rochau in einem Gespräch über die Jahre, in denen Unterdrückung und Misstrauen seinen Alltag prägten. Als Zeitzeuge der ehemaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) besuchte er am 22. Oktober 2025 die Albert-Schweitzer-Schule (ASS), um die Politik- und Wirtschaftskurse der elften Klasse aus erster Hand von seinem Leben unter dem DDR-Regime aufzuklären.
Geboren wurde Lothar Rochau am 2. September 1952 in Weißensee in Thüringen, wo er die zehnte Klasse einer Polytechnischen Oberschule absolvierte. Schon hier wirkte die manipulative Macht der DDR auf ihn, denn Rochau berichtet, dass anders als heute nur 10 % der Schüler ihr Abitur absolvieren konnten. „Mit Leistung kam man nicht weit“, so Rochau, denn wer politisch gesehen nicht linientreu war, hatte kaum eine Chance, die erweiterte Oberstufe zu besuchen oder das Abitur zu absolvieren.
Nach seinem Abschluss entschied er sich für eine Ausbildung zum Werkzeugmacher, trat allerdings kurz danach seinen Wehrdienst an. Diesen verbindet er jedoch primär mit negativen Ereignissen, da sich unter den Soldaten eine regelrechte Hierarchie, bei der oft Neue mit Geringschätzung behandelt wurden, einnistete. Was Rochau aber am erschreckendsten fand, war die Tatsache, dass vermeintliche Autoritäten beim Wehrdienst bei Auseinandersetzungen nicht einschritten. Dennoch gab es für Rochau in dieser trüben Zeit einen Lichtblick. So verbrachte er mit einigen seiner Kameraden seine Zeit damit, eindrückliche Diskussionen und kritische Gespräche auch über das DDR-Regime zu führen. Einen großen Ankerpunkt bildeten hier generell der christliche Glauben und Zitate aus der Bibel, welche ihn zum Nachdenken brachten.
Nach seinem Wehrdienst wollte Rochau in seinem erlernten Beruf Fuß fassen. Zu seinem Bedauern musste er jedoch feststellen, dass ihm der einst versprochene Arbeitsplatz verwehrt wurde. Grund dafür sei ein schlechtes Zeugnis während der Wehrpflicht, das auf Rochaus kritisches und eigenständiges Denken zurückzuführen war.
Nach diesem Rückschlag war er gezwungen, sich eine andere Tätigkeit zu suchen und stieß kurzerhand auf die Kirche. Denn im religiösen Rahmen besaß die DDR nur wenig Macht und der christliche Glaube war für ihn, wie auch schon in der Armee, ein Symbol für Freiheit. So absolvierte er eine Ausbildung zum Diakon und wurde kurz darauf in Halle-Neustadt eingesetzt, wo er vor allem mit Jugendlichen arbeitete.
Während seiner Arbeit in der Kirche machte Rochau in öffentlichen Vorträgen oft seine Kritik gegenüber der DDR deutlich und geriet dadurch schon bald ins Visier der Staatssicherheit (Stasi). Was für uns heute ein Grundrecht ist, blieb den Bürgerinnen und Bürgern der DDR verwehrt, denn offene Kritik am politischen System oder an der SED-Herrschaft war nicht erlaubt und konnte staatliche Repressionen wie Überwachung, Verhöre oder berufliche Nachteile nach sich ziehen.
Diese Folgen musste auch Rochau erfahren. Laut Stasi-Unterlagen waren 105 Mitarbeiter an seiner Überwachung und ,,Zersetzung“, wie er es nennt, beteiligt. Das ist ein System, bei dem nicht nur Post überwacht oder Telefonate abgehört wurden, sondern heimlich in Wohnungen eingedrungen und kleinere Einrichtungsgegenstände umgestellt wurden, um die Psyche der Staatsfeinde zu zermürben. Dazu kam noch, dass die meisten der Spitzel inoffiziell für die Stasi arbeiteten, wodurch man niemals wissen konnte, wem man trauen darf und wem nicht.
Für Rochau bedeutete diese Überwachung ständige Anspannung. Er wusste, dass er beobachtet wurde, konnte sich aber nie sicher sein, von wem. Diese Angst, nie allein zu sein, prägte sein Leben und das vieler anderer Menschen in der DDR.
Wenn man sich vorstellt, dauernd aufpassen zu müssen, was man sagt oder wem man vertraut, wird deutlich, dass Freiheit und Meinungsäußerung für uns heute selbstverständlich geworden sind. Rochau steht damit stellvertretend für viele, die den Mut hatten, trotz der Gefahr, die damit verbunden war, sich zu äußern.
Den Höhepunkt jedoch bildete die Inhaftierung Rochaus, da ihm ,,staatsfeindliche Hetze“ vorgeworfen wurde. Doch auch hier blieb er nicht verschont, denn es stellte sich heraus, dass selbst sein Anwalt im Gericht Stasi-Mitglied war und sogar sein einziger Zellengenosse im Gefängnis – die einzige Person, mit der Rochau damals reden konnte – ein Spitzel war. Rochau habe nie geglaubt, dass die Stasi so weit gehen würde.
Kurz nach seiner Entlassung wanderte Rochau in die BRD aus, wo er nochmals studierte. Doch trotz allem hielt es ihn nicht lange dort – er wollte wieder in die DDR, seinem Zuhause, zurück. Er erklärte uns, dass er diese nie verlassen wollte, vielmehr war es sein Wunsch, sie zu verändern.
Mit dem Fall der Mauer 1989 war dies Rochau endlich möglich, weshalb er in seine Heimat Halle-Neustadt zurückkehrte und sein Leben bis zur Pensionierung der Arbeit in der Kirche sowie dem Aufbau der Stadt widmete.
Heute klärt er junge Menschen über die damalige Zeit auf und schrieb unter anderem die Autobiografie ,,Marathon mit Mauern“.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass uns Lothar Rochau besucht und uns von seiner spannenden und einprägsamen Geschichte erzählt hat. Für mich war die Begegnung, in der ein Zeitzeuge über die damaligen Geschehnisse berichtet hat, ergreifender als beispielsweise im Unterricht einen Text über die Thematik zu lesen. Dadurch wurde mir bewusst, dass hinter den Geschichten echte Menschen mit echten Schicksalen stehen. Durch seine Erzählung habe ich verstanden, wie wichtig Freiheit, Meinungsäußerung und die Wahrung der Menschenrechte sind – Werte, die heute selbstverständlich scheinen, aber für viele wie Lothar Rochau damals mit großem Mut und persönlichem Risiko verbunden waren.
Sofia Davidovic – 01/26
Dieser Beitrag wurde ebenfalls auf der Webseite der Online-Schülerzeitung „Schweitzer Käseblatt“ veröffentlicht.
